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Dr. Geipel in einer Sendung über FehlurteileDr. Geipel in einer Sendung über FehlurteileEs muß festgehalten werden, daß es keine sichere Methode der Lügenerkennung gibt. Das ist bedauerlich, denn die Lüge vor Gericht kommt häufiger vor, als man gemeinhin vermuten möchte.

Zwar ist immer noch der Irrtum die (zahlenmäßig) größere Gefahrenquelle für richtige Urteile als die Lüge, aber auch die Lüge führt in einer beträchtlichen Anzahl zu Fehlurteilen.

Auch wenn es keine sichere Methode der Lügenerkennung gibt, gibt es Indikatioren, die einen rationalen Schluss auf die Glaubhaftigkeit der zu beurteilenden Aussage zulassen.

Die neuere und inzwischen gefestigte Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (vgl. nur BGHSt 45, S. 164) stellt bei der Beurteilung der Frage, ob ein Zeuge subjektiv die Wahrheit sagt, weniger auf dessen (allgemeine) Glaubwürdigkeit, sondern entscheidend auf die Glaubhaftigkeit der konkreten Aussage ab.

Das geeignete Instrumentarium dafür, ob der Zeuge subjektiv die Wahrheit sagt, ist insbesondere die Aussageanalyse (so der Bundesgerichtshof, Az: 1 StR 553/01).

Die Aussageanalyse stellt insbesondere die Suche nach sog. Realitätskriterien oder Realkennzeichen in den Vordergrund. Diese Kriterien kommen zwar nur mit durchschnittlich wenig über dem Zufallsniveau liegender Bedeutung vor, können jedoch durch die Gesamtheit aller Indikatoren mit einer beträchtlichen Aussagekraft einen Schluß auf die Glaubhaftigkeit der zu beurteilenden Aussage ermöglichen (so BGHSt 44, S.164 ff).

Neben Realitätskriterien gibt es sog. Lügen- oder Phantasiesignale, die wissenschaftlich nicht verifiziert sind, sondern Beobachtungen aus der Praxis darstellen.

Nach Ansicht von Dr. Geipel sind diese Lügen- oder Phanatasiesignale für die gerichtliche Praxis weit wichtiger als Realkennzeichen.

Menschlichem Entscheidungsverhalten - auch der Richter entscheidet unter Unsicherheit - liegen jedoch diverse Unsicherheits- und Verzerrungsfaktoren zugrunde.

Eine Fehlerquelle ist, daß nach menschlichen Entscheidungsheuristiken vorwiegend selektiv Informationen gesucht, gespeichert und abgerufen werden, die zur vermuteten/gewünschten/gesuchten Hypothese passen und mehrdeutige Infomationen als Bestätigung dieser Hypothese auf gefaßt werden (so Schemm/Köhnken, Voreinstellungen und Testen sozialer Hypothesen im Interview in Handbuch der Rechtspsychologie, S. 323 f. m.w.N.).

D.h., nach Realkennzeichen wird, nachdem hierfür ein Kanon zur Verfügung steht, positiv gesucht und diese werden (allein deshalb) oft gefunden. Dieser (sog. Affirmation bias) kann dazu führen, daß Personen stärker auf das Auftreten von Realkennzeichen reagieren, als auf das Ausbleiben oder Gegenteil. In Konsequenz kann dies dazu führen, daß die Glaubhaftigkeit fälschlich bestätigt wird, obwohl nur wenige positive Belege dafür vorhanden waren. Nachdem ein Lügner in der Regel keine vollständig erfundene Geschichte erzählt, lassen sich in nicht wenigen Fällen diverse Realkennzeichen finden. In der Praxis wird jedoch immer wieder übersehen, daß diese vollkommen bedeutungslos sind, wenn sie sich auf den unstrittigen Teil beziehen.

Dieser Affirmation-bias oder positive bias kann ausgeglichen werden, wenn ausdrücklich (auch) nach Phantasie- oder Lügensignalen gesucht wird (Geipel/Nill/Shultz, Die Analyse der Zeugenaussage im ordentlichen Verfahren, ZAP 2007 vom 1.8.2007, S. 847 ff.= Fach 13 Seite 1449 ff.). 

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